Von innen wird das aussen!

Aktualisiert: März 1


Mira hält inne und genießt den Moment.

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Mira* ist eine junge, mir sehr sympathische Frau. Sie steht mitten im Leben, stellt sich sämtlichen Herausforderungen und ist unglaublich ambitioniert. Sie will das Beste aus ihrem Leben machen.


Als Kind, erzählt sie mir, war sie Klassensprecherin. Sie konnte Ideen, Anregungen oder auch Kritik sehr gut in Worte fassen und scheute sich nicht, vor größeren Gruppen zu sprechen. Die Lehrer mochten sie, weil sie eine gute Schülerin war und eine faire Gesprächspartnerin. Ihre Mitschüler mochten sie, weil sie für sie den Mund aufmachte. Ihre Eltern liebten sie, weil sie eine fleißige, unkomplizierte Tochter war. Ihr Taschengeld erfuhr in regelmäßigen Abständen eine zusätzliche Zugabe, immer dann, wenn sie eine Eins nach Hause brachte, oder eine Prüfung mit besten Noten bestand.


Jahre sind vergangen und Mira ist mittlerweile dabei, einen steilen Karriereweg zu erklimmen. Doch mittendrin merkt sie, dass das Fundament, auf dem sie aufbaut, irgendwie gewaltig wackelt. Trotz all dem was sie tut, und sie zerreißt sich mitunter wirklich, ist sie nicht glücklich.


Sie denkt schnell, sie handelt schnell, sie fährt schnell, sie lebt schnell. Als wäre sie auf der Flucht. Sie ist müde und das immer mehr. Sie liegt nachts wach, die Gedanken kreisen und sie hat Angst. Ängste. Viele davon sogar. Und sie zweifelt. In aller erster Linie, an sich selbst.


Denn zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich nicht mehr in der Lage zu funktionieren und abzuliefern. Die Suche nach den Gründen macht sie zusätzlich fertig. Weil sie einfach nicht draufkommt, was ursächlich für ihr Leistungstief verantwortlich ist.



Was ist nur mit mir los?


- fragt sie mich verzweifelt, nachdem auch ihre letzten Versuche, eine Beziehung aufzubauen, kläglich gescheitert sind.


Sie hofft verzweifelt, mit meiner Unterstützung, ihre Außenwirkung zu verbessern. Denn, so glaubt sie, würde eine bessere Außenwirkung dazu beitragen, dass sie die Liebe und Anerkennung bekommt, nach denen sie sich sehnt. Und sie damit auch ihr Tief überwindet. 


Ich höre ihr zu und finde mich in so vielen Aspekten ihres Dilemmas wieder. Vor mir sitzt ein unglaublich wertvolles und liebenswürdiges Häufchen Elend. Eine attraktive, intelligente Frau. Auf der Suche nach sich selbst und nach ihrem Glück.


Meine Frage nach dem Ereignis, das Ihr Selbstvertrauen so erschüttert hat, beantwortet sie mir mit: "Als meine Großmutter kürzlich verstarb und ich an ihrem Grab stand, drängte sich mir die Frage auf, ob es das tatsächlich gewesen sein soll? Ob es tatsächlich so sein darf, dass ein Mensch ein Leben lang schuftet und leistet und sein Bestes gibt, um am Ende dann einfach zu sterben und unwiederbringlich weg zu sein? Einfach verschwunden, als hätte es ihn oder sie nie gegeben. Und die Welt dreht sich, davon unbeeindruckt, weiter".


Noch nie zuvor hat sie in dieser Tiefe über ihre eigene Existenz nachgedacht. Noch nie zuvor hat sie sich so hilflos gefühlt. Ihr Leben war immer klar, strukturiert und durchgeplant. Ihr Weg war sorgfältigst vorgezeichnet. Und plötzlich drängt sich die alles umwerfende Frage auf, ob das am Ende dann alles gewesen sein soll? Und damit verbunden, die leise Hoffnung, dass vielleicht doch etwas mehr da wäre, das auf sie warten könnte?


Mira geht es so, wie vielen von uns, wenn wir an dem Punkt im Leben ankommen, an dem wir uns nach dem Sinn unseres Tuns und unseres Seins fragen.


Leistung und Schnelligkeit waren schon immer Ihre Gradmesser. Sie wurde nicht nur daran gemessen, gewürdigt und belohnt. Ihr ganzes Denken war davon geprägt. Selbst das, was sie für Liebe hielt, war daran gekoppelt. Angesichts dieser gewaltigen Erwartungen entwickelte sie nicht minder gewaltige Ängste. Sie hatte Angst zu versagen und zu enttäuschen. Sie hatte Angst, nicht mehr zu genügen und so kein Ansehen mehr zu genießen. Sie hatte Angst davor, nicht perfekt zu sein. Und davor, alleine zu bleiben.



Wer so stark im Außen lebt und so wenig in seiner eigenen Mitte ist, verliert sich früher oder später in der Vielfalt der Anforderungen, die auf einen zukommen.


Entschleunigung, Innehalten und sich der Verantwortung bewusst zu werden, die jeder von uns für sich selbst trägt. Wieder zu lernen, in sich hinein zu hören und klar ausfindig zu machen, was einem gut tut und was nicht. Das sind erste, kleine Schritte, um aus der negativen Gedankenspirale auszusteigen.


Sich bewusst zu machen, wie viel Gedanken- und Gefühlsballast man mit sich trägt. Gedanken und Gefühle, die man definitiv bei seiner Geburt nicht mitgebracht hat in sein frisches Leben. Sondern anerzogen bekommen, oder aus Erfahrungen und Begegnungen im Leben aufgesammelt hat. Doch wie sind die eigenen Gedanken und Gefühle tatsächlich?



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Wer bin ich und was bin ich mir selbst wert?


Was sind meine Werte, was möchte ich respektiert wissen? Woran orientiere ich mich? Was macht mich aus und was möchte ich, dass meine Außenwelt an mir deutlich wahrnimmt? In welcher Weise unterscheide ich mich von allen anderen Menschen auf dieser Welt?


Authentizität ist ein Begriff, mit dem man heutzutage regelrecht überschüttet wird. Doch wie wollen wir denn authentisch wirken, wenn wir nicht bei uns sind? Wenn wir stattdessen abgelenkt sind von Aufgaben, Erwartungen, Existenz-Sorgen, Perfektionsansprüchen, Gedankenmüll, Egozentrik, Informationen, Geschwindigkeit etc.?


Ein Blatt im Wind, ohne Halt und ohne Richtung? Oder lieber ein Baum? Selbst-Bewusst gerade und stark, empfangend, gebend und beschützend, in sich ruhend, voller Leben und wissend, dass nach jedem Winter ein neuer Anfang kommt.


Mira hat für sich eine ganz klare Entscheidung getroffen:


Ein Baum


Von innen wird das Außen.



Bleiben Sie bei sich!


Ihre


Corina Stoian




* Mira ist ein fiktiver Charakter, der meine persönlichen Erfahrungen und Erfahrungen aus Gesprächen, Coachings und Mentorings reflektiert.



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